Wo bitte liegt Amerika?

Wie hilflos darf man sein?

Es war in Amerika: An einem Freitag nach Schulschluss sperren Schülerinnen und Schüler eine Lehrerin in einen Metallschrank ein. Sie wird erst am darauf folgenden Montag, halb erstickt gefunden und befreit. Etwa zur gleichen Zeit verteilt ein 13-Jähriger in der Unterrichtspause mit Drogen angereicherte Marshmellows. Ein 12-Jähriger zwingt einen schmächtigen 8-Jährigen seine Replay-Klamotten auszuziehen und nimmt sie ihm weg. Ein paar Tage später kiffen sich vier 12- bis 14-jährige Schüler in einem Park zu und halten einen 8-Jährigen, der zufällig vorbeikommt, fest. Sie drohen damit, ihm mit einem Messer die Finger abzuschneiden, wenn er nicht tut, was sie wollen. Und, last but not least, richten zwei Schüler in ihrer Schule ein furchtbares Blutbad an. Mit ihren Pumpguns erschießen sie zwölf Mitschüler und Schülerinnen, einen Lehrer und schließlich sich selbst. Die Bilder gehen um die ganze Welt. Die Öffentlichkeit war entsetzt, auch in Deutschland, doch "Amerika ist - Gott sei Dank - weit weg", befand man und bei den dortigen Waffengesetzen: "Selbst Schuld." Aber ist Amerika wirklich so weit weg? Wo, bitte, liegt Amerika tatsächlich?

Keine sechs Monate später stirbt in einer deutschen Disco eine 14-Jährige an Ecstasy auf der Tanzfläche. Auf einem Schulhof wird mit Heroinkonzentrat getränktes Esspapier sichergestellt. Ein 14-Jähriger schlägt einen 12-Jährigen krankenhausreif und raubt ihm seine Reebok-Jacke. Zwei Jugendliche greifen, in ganz kurzen Zeitabständen, nacheinander zu Waffen und töten Menschen, trotz deutscher Waffengesetze. Kurz darauf tötet ein 15-jähriger Schüler - mit Voranmeldung - brutal seine Lehrerin. Brandaktuell: Ein 19-Jähriger marschiert, bis an die zähne bewaffnet, in seine ehemalige Schule und erschießt kaltblütig 16 Menschen und schließlich sich selbst. Auch diese Bilder gehen um die ganze Welt. Fassungslosigkeit, Bestürzung und Trauer über Deutschland. Und auch Köln bleibt nicht verschont. Im Dezember 2001 berichtet die einschlägige Presse auf Seite eins: "Raub, Morddrohung, Erpressung, schwere Körperverletzung an Kölner Schulen", "Bande quälte 13-jährigen Schüler vor seinem Gymnasium!", und das waren keine Einzelfälle. Die schockierte Öffentlichkeit fragt: "Haben wir jetzt amerikanische Verhält-nisse?" Nein, keine amerikanischen Verhältnisse. Amerika ist überall. Auch in Erfurt, Frankfurt, Bad Reichenhall, Köln, Hamburg, Darmstadt, überall in Deutschland.
Solche Bilder abdriftender gesellschaftlicher Verhältnisse vor der eigenen Haustür rütteln auf, sie schockieren. Denn es ist eine Tatsache, dass sich der Zustand der Gesellschaft auch im Verhalten von Kindern und Jugendlichen widerspiegelt. Experten waren und sind sehr gefragt in diesen Tagen, in denen Drogen- und Gewaltprobleme mit Kindern und Jugendlichen immer aktueller, brisanter und erschreckender werden. Von ihnen werden Erklärungen der Ursachen, aber auch Lösungsmöglichkeiten, Rezepte erwartet. Es reicht nicht aus, die Waffen- und Drogengesetze zu verschärfen oder nur weitere Regeln zu setzen, solange die Gesellschaft insgesamt eine Ellbogen-mentalität vorlebt, den Kindern und Jugendlichen eine Winner-Looser-Kultur als zukünftigen Lebensraum anbietet. Viele Ursachen sind seit langer Zeit bekannt. Wir scheinen hilflos. Doch dürfen wir nicht tatenlos zusehen. Aus dieser Überzeu-gung heraus wurde die Kölner Unternehmerinitiative "U.h.K. - Unternehmen helfen Kids e. V." gegründet, die sich zur Aufgabe gemacht hat, Kinder und Jugendliche stark zu machen gegen Drogen und Gewalt. Klaus Altenberg von U.h.K. ist sich mit vielen namhaften Experten einig: "Drogen- und Gewaltprobleme mit Kindern und Jugendlichen sind kein isolierbares Thema. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen." Er fordert deshalb, dass die Gesellschaft nicht nur Wissen, sondern auch vorbild-hafte Wege friedlichen Zusammenlebens lehren muss.

"Erwachsene bilden nun einmal den wesentlichen Teil des Umfeldes, in dem sich Persönlichkeit und Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen entwickeln", so Altenberg. "Erwach-sene sind bewusst oder unbewusst Vorbild für die Kinder, in jeder Form. Kinder müssen soziale Fertigkeiten erst erlernen. Wo aber nichts geschieht, um ihnen dabei zu helfen, oder zu spät mit den Bemühungen begonnen wird, schleppen sie ihre Probleme bis ins Erwachsenenalter mit. Und hier schließt sich der fatale Kreislauf wieder. Um diesen Lauf zu durchbrechen, ist ein Umdenken unabdingbar. Wir müssen alle erzieherischen Abläufe selbst als Zukunftswerkstatt verstehen, in der die Ellbogenmentalität zurückgedrängt und eine Kultur des Vertrauens, der Toleranz und des gegenseitigen Respekts entwickelt werden kann. Darüber hinaus müssen wir immer wieder unsere eigene Wahrnehmung der Kinder überdenken. Erst dann haben wir gute Chancen viel zu erreichen. Es reicht nicht festzustellen, wie hilflos wir sind, sondern wir müssen den Kindern und Jugendlichen helfen, sie unterstützen, bei ihrer harten Entwicklungsarbeit. Wir alle tragen Mitverantwortung dafür, ob, wie und wann die wichtigen Grundlagen für ein eigenständiges, unabhängiges Leben - ohne Drogen und Gewalt - für unsere Kinder gelegt werden. Es ist jedermanns Aufgabe sein Möglichstes zu tun, unsere Kinder frühzeitig bei der Bewusstseinsentwicklung, auch gerade im Hinblick auf Drogen und Gewalt, zu unterstützen. Wenn frühzeitig damit begonnen wird, mit den Kindern mitzulernen, an ihrer speziellen Weltsicht teilgenommen wird, wenn sie erkannt wird, dann kann erfolgreiche Prävention angeboten werden. Und zwar so, dass Kinder eben nicht zu bloßen Problemfällen abgleiten. Patent-rezepte gibt es nicht, aber wir können und müssen mehr tun. Prävention statt Reaktion. Das ist keine leichte Aufgabe. Schon deshalb nicht, weil Kinder und Jugendliche - und das Umfeld, in dem sie leben - viel zu unterschiedlich für ein einheitliches Rezept sind. Präventionsarbeit heißt helfen und begleiten, es ist ein langer Weg mit vielen kleinen Schritten, der nur gemeinsam mit den Kindern beschritten werden kann. "Diesen Weg gehen wir mit unserer Initiative U.h.K.", so Altenberg. "Im Rahmen interessanter Events wird Aufklärung zum Thema durchgeführt. Und die Kinder und Jugendlichen hören zu. Darüber hinaus finanzieren wir sinnvolle Kinder- und Jugendprojekte schnell und unbürokratisch. Denn es müssen mehr Anlaufstellen für Kinder geschaffen und erhalten werden, damit sie von der Straße kommen. Und vieles, vieles mehr. Aus Kindern werden Leute. Welche, hängt von allen ab. Begleiten wir sie dabei, wenn sie ihre Erfahrungen machen. Sprechen wir mit ihnen darüber, wie man ein verantwortungsbewusstes, unabhängiges und doch interessantes Leben - ohne Drogen und Gewalt - führen kann. Interessieren wir sie für Alternativen. Lassen wir sie Vorbilder kennen lernen, die sie interessieren. Und: Hören wir ihnen zu, damit wir endlich begreifen, dass dieses Amerika schon längst überall ist."
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